Miteinander von Klein und Groß bereitet Sorgen Stadträte, Schulleiter und Eltern diskutieren auf Einladung der Bunten Liste die Lindauer Schulpolitik

Hier zeigen die Kleinen und Großen ein gutes miteinander: In Reutin lassen sich die Siebtklässler der Mittelschule von den Erstklässlern der Grundschule zeigen, wie man Weihnachtssterne bastelt.
Hier zeigen die Kleinen und Großen ein gutes miteinander: In Reutin lassen sich die Siebtklässler der Mittelschule von den Erstklässlern der Grundschule zeigen, wie man Weihnachtssterne bastelt. (Foto: Christian Flemming)

Von Christian Flemming

LINDAU Selten haben so viele den Weg zur Sonntagssitzung der Bunten Liste gefunden, aber das Thema Zukunft der Lindauer Schullandschaft lockte unter anderem Mütter, Lehrer und Schulleiter sowie Kommunalpolitiker in den Bahnhof. Sie sprachen vor allem darüber, ob es vertretbar ist, Erstklässler mit älteren Mittelschülern unter einem Schuldach zu unterrichten. Unter den 35 Teilnehmern der Diskussionsrunde gingen die Vorstellungen sehr weit auseinander.

Ein LZ-Bericht über die Zukunft der Grundschule Aeschach hatte für Aufregung gesorgt, aber erreicht, dass über das Thema nun gesprochen wird. Dabei zeigte sich in der Diskussionsrunde, dass viel Gesprächsbedarf besteht. Nach dem Umbau der Reutiner Schule besteht vor allem in Aeschach dringender Handlungsbedarf. Beide Schulhäuser, Mittel- und Grundschule, sind in einem bedenklichen Zustand – darüber sind sich alle einig. Weit auseinander gehen die Meinungen bei der Frage, wie die Zukunft der Schulen in Aeschach und letztendlich in ganz Lindau aussehen sollte oder könne.

CSU und Bunte wollen die Diskussion ergebnisoffen führen

So erklärte Gisela Schnell, Chefin der Grundschule Aeschach, dass an ihrer Schule für die nächsten Jahre ein Zuwachs an Schülern anstehe, damit verbunden auch die Raumnot in der Schule wachse. Thomas Hummler, Rektor der benachbarten Mittelschule sagt für die Mittelschule eher das Gegenteil voraus. „Momentan sind wir noch vollbesetzt, aber das kann sich schnell ändern, zumal immer mehr mitbekommen, dass in Baden-Württemberg die Notenhürden für den Umstieg in weiterführende Schulen beseitigt wurden“, sagte der Schulleiter und CSU-Stadtrat. Er will schnell darüber diskutieren, wie viele Schulen Lindau wo braucht und verträgt.

„Aber die Diskussion muss ergebnisoffen geführt werden“, betonte Hummler und ist sich dabei unter anderem mit seinem bunten Stadtratskollegen Uli Kaiser einig. Dagegen sprachen sich Schulleiterin Schnell wie eine Reihe Eltern von vorneherein für den Erhalt der Aeschacher Grundschule aus: Sie biete einen geschützten Raum für die Kinder. „Es reicht nicht, die Türen rauszunehmen und Bettchen in die Gänge zu stellen, das macht noch keine gute Schule“, sagte sie zum vielgepriesenen neuen Konzept der Reutiner Schule, „das hängt vor allem an den Pädagogen.“

Erwin Unseld, Rektor dieser Grundschule und Stadtrat der FB, zeigte Verständnis für besorgte Lehrer und Eltern: „Das Bedürfnis der Kinder nach Ruhe und Bewegung, Unversehrtheit und Geborgenheit sehe ich sehr wohl“, stellte aber klar, „das Bettchen im Gang ist aber kein Alibi für eine Kuschelpädagogik.“ Der Rektor kann verstehen, dass Mütter besorgt sind, wenn ihre Grundschulkinder erschrecken, weil sich ältere Schüler auf dem Schulhof streiten würden, aber das gehöre eben dazu. „Wir können die Kinder nicht in Watte packen. Wichtig ist aber, dass die Kinder Instanzen wissen und haben, an die sie sich wenden können, wenn sie verunsichert sind.“

Aber gerade Mütter zeigten sich extrem besorgt, dass in Aeschach Grund- und Mittelschule unter ein Dach kommen könnten, vor allem weil sie Gewaltakte der Älteren gegen die ABC-Schützen fürchten. Dem versuchte Stadtrat Alexander Kiss (BL) zu begegnen: „Die Ängste der Eltern muss man ernst nehmen. Aber man muss ihnen zeigen und erklären, dass ein Miteinander funktionieren kann.“ Hummler ergänzte, dass Studien an ähnlich wie Reutin konzipierten und preisgekrönten Schulen belegten, dass in einem derart offenen Raum Ältere gerne Jüngeren helfen würden, wenn sie gerade nichts zu tun hätten.

Gegen Stimmungsmache gegenüber Mittelschüler verwahrten sich Uli und Matthias Kaiser. Letzterer hatte nach eigenen Angaben seine Kinder in so ziemlich allen Lindauer Schulen und „habe vor allem in der Mittelschule hoch engagierte Lehrer kennengelernt, die sich für ihre Schüler einsetzen“. „Was hier an Gewaltpotenzial in die Mittelschule implementiert wird, finde ich unglaublich. Wir sind hier in Lindau, keinem wirklich sozialen Brennpunkt.“

Erfahrung mit unmittelbarer Nähe von Grund- und Hauptschule hat Regula Metzenthin, die dann über Hergensweiler als Rektorin auf die Lindauer Insel kam. Sie kenne keine Stadt vergleichbarer Größe, die auch nur annähernd so viele Schulen habe wie Lindau. Bei aller persönlicher Liebe und Vorliebe zu einer kleinen Schule mahnte sie, dass kleine Schulen keine Chance hätten, Synergieeffekte zu nutzen. Und die wären wichtig für die Kinder. „Ich sage, es ist schön an so einer kleinen Schule zu unterrichten, ob das aber wirtschaftlich ist oder nicht, weiß ich nicht.“

Alles ist besser als der heutige Zustand der Aeschacher Schulen

Um die unterschiedlichen Positionen einander näher zu bringen, regte Hummler eine Wiederbelebung des Bildungsforum an, das es vor Jahren in Lindau gab. Dort könnten Schule, Verwaltung, Politik sowie Eltern und Schülern umsetzbare Visionen für die künftige Schullandschaft in Lindau entwickeln. Denn Entscheidungen seien nötig. „Wir müssen uns entscheiden, was für ein Gebäude richtig ist für Aeschach und langfristig unterhalten werden soll. Man kann allen dafür Verantwortlichen zutrauen, dass das Ergebnis besser sein wird als der status quo.“

Stadt wendet Jahr für Jahr Millionen Euros für Familien auf

Dem Vorurteil, Lindau sei familienfeindlich, traten bei der Diskussionsrunde die bunten Stadträte Kiss und Matthias Kaiser entgegen. Mit den Kindertagesstätten Villa Engel, Arche Noah und dem Bau eines Gebäudes für das Familienzentrum Minimaxi, dem Bau des Kindergartens St. Ludwig und dem Ausbau von Krippenplätzen, „wo wir nach neuesten Daten 70 Prozent über dem Bundesdurchschnitt liegen“, so Kiss, könne niemand behaupten, die Stadt täte nichts für Familien und Kinder. Immerhin hat Lindau in den vergangenen Jahren Millionenbeträge für Kinderbetreuung aufgewendet.

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